Predigt zu Römer 8, 18-23
am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag)
18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.
Am Volkstrauertag geht es um die Beschäftigung mit der düsteren Realität von Krieg, Unfrieden und Zerstörung im Großen und Kleinen, früher und heute:
50 Millionen Opfer gab es im 2. Weltkrieg mit unvorstellbarem Leid in vielen Familien und geplanter Ausrottung ganzer Völker. Seitdem gab es unzählige Kriege auf der Welt. Krieg ist auch für uns wieder eine vorstellbare Realität geworden. Abgesehen davon erfahren wir von Terrorangriffen, Vergewaltigungen, Messerstechereien und anderen Gewalttaten, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Streitereien, psychischem Terror und Mobbing im zwischenmenschlichen Bereich. Und auch die Natur muss leiden durch das, was der Mensch ihr antut. Ganze Landstriche werden verwüstet, Müll wird einfach in der Natur entsorgt und wieviel Schaden durch sogenannte umweltfreundliche Technik angerichtet wird, wissen wir noch gar nicht. Man kann die Liste noch sehr viel weiterführen. Was Paulus hier schreibt vom Seufzen der Schöpfung, kann man nachvollziehen.
Aber was sollen wir tun?
Manchmal kommt das Gefühl auf: Ich kann die vielen schrecklichen Nachrichten nicht mehr hören,
denn man kann ja doch nichts tun. Man möchte einfach einmal Ruhe haben und nicht nur von den Problemen hören. Das führt manchmal dazu, dass Menschen sich sagen: Hauptsache im eigenen Leben, in der eigenen Familie ist die Welt noch in Ordnung. Hauptsache, man kommt gut durch und hat noch Zeit und Geld für Gartenarbeit, Grillfeiern und Urlaub.
Aber wegschauen und sich auf die Privatsphäre zurückziehen, ist keine Lösung,
weil es irgendwann auch die Privatsphäre trifft. Es ist eine Haltung, mit der sich Menschen auf Kosten anderer durchmogeln.
Ich möchte drei Dinge nennen, die wichtig sind für eine friedliche Welt, die bei uns anfängt.
Wir allein werden die Welt nicht verändern können, aber jeder kann in seinem Umfeld ein bisschen dazu beitragen, dass es besser wird oder zumindest nicht schlechter. Und je mehr es tun, desto mehr ändert sich auch unsere Welt.
1. Wir brauchen den Glauben an die Ewigkeit Gottes.
Der Glaube an die Ewigkeit wird gerne in den persönlichen Bereich abgeschoben. Da ist der Glaube an die Ewigkeit auch ein unschätzbarer Trost, aber es hat auch Bedeutung für unser Verhalten, für unser gesellschaftliches Miteinander, denn der Glaube beinhaltet das Wissen, dass es einen Richter gibt, vor dem wir uns alle einmal verantworten müssen. Wir sind nicht selbst unser Chef, sondern Christus ist unser Chef und Richter.
Es ist Gott nicht egal, wie wir unser Leben gestalten,
wie wir mit anderen Menschen und mit der Natur umgehen, sondern er ruft uns zur Verantwortung, nimmt uns in die Pflicht. Es ist Gottes Welt, die Natur, die Menschen, und wie wir zu Gott stehen, das hat Konsequenzen für dieses Leben und für die Ewigkeit, oder glauben wir, Gott lässt sich alles gefallen.
Wer durch den Glauben an Jesus Christus mit Gott im Reinen ist, der weiß, dass das Eigentliche in der Ewigkeit kommt
an Glück, Liebe, Freude und allem anderen, der muss nicht alles für sich von diesem Leben erwarten, sondern kann Opfer bringen. Das ist keine Flucht aus den Problemen, sondern ermöglicht gerade erst, sich mit den Problemen zu beschäftigen.
Wenn wir das Wissen um die Ewigkeit verlieren,
um Gott als Richter, um die wunderbare Hoffnung, dann kommt es automatisch dazu, dass wir Menschen immer mehr an uns selbst denken. Dann gibt es auf der einen Seite die verantwortungslosen und orientierungslosen Machtmenschen und auf der anderen Seite, die unzähligen Stammtisch- und Sofagötter, die alles besser wissen.
2. Wir brauchen im Umgang Werte, die vom christlichen Glauben geprägt sind, die sich an dem orientieren, was Gott uns für die Ewigkeit verheißt, wie die Ewigkeit aussieht.
Die Zeit, in der viele Menschen sagen konnten: „Es ist egal, wie man sich verhält, das muss jeder selber wissen, Hauptsache, es macht Spaß“, ist vorbei und hat auch keine Zukunft. Aber welche Werte sollen unser Miteinander prägen: das einer anderen Religion, ein islamisches Weltbild, rechtsextremen Parteiprogrammen mit Schlägergruppen, kalten Kapitalismus oder Staatssozialismus?
Sollen diese Werte uns bestimmen oder christliche Werte?
Ich will nur einige christliche Werte nennen:
Verantwortungsgefühl: Jeder ist verantwortlich für das Miteinander. Wir sind nicht nur dafür da, uns bedienen zu lassen, Ansprüche zu stellen und zu meckern, sondern Gott hat uns Verstand und Gaben gegeben, um die Welt zu gestalten.
Gerechtigkeit: dass jeder Mensch gleichbehandelt wird, egal ob er reich oder arm ist, viel Einfluss oder wenig hat. Wie schnell wird gebuckelt bei den Einflussreichen und über die hergefallen, die keine Lobby haben. Gott behandelt uns auch gleich.
Ehrlichkeit: Statt Fehler einzugestehen, werden Tatsachen verdreht; Eltern lügen für ihre Kinder; es wird schlecht über andere geredet und Lügen zerstören Vertrauen und Verlässlichkeit. Und vor Gott halten keine Lügen stand.
Weitere christliche Werte sind zum Beispiel Respekt, Freundlichkeit, Zuverlässigkeit Selbstachtung, Nächsten- und Feindesliebe.
Wenn es um die Werte geht, stimmen viele Menschen zu, aber: Welchen Stellenwert haben die Werte?
Gelten sie auch dann noch, wenn es für uns persönliche Nachteile mit sich bringt, Opfer fordert oder fangen wir dann an zu lügen und Verantwortung abzuschieben. Werte haben nur einen Sinn, wenn sie auch dann noch gelten.
3. Wir müssen damit anfangen nach diesen Werten zu leben. Wir können nicht die Welt verändern, aber in unserem Lebensbereich und mit unseren Gaben und Fähigkeiten können wir etwas tun.
Ich will nur ein paar Beispiele nennen:
Jeder, der die Möglichkeit hat, kann mit ehrenamtlichem Engagement Verantwortung für das Miteinander übernehmen: Die Institutionen können nicht mehr alles abfangen. Jeder muss dazu beitragen, auch ehrenamtlich.
Die kleinen Lügen bei Steuer und Versicherung, Entschuldigung der Kinder oder am Arbeitsplatz, weil man zu irgendetwas keine Lust hat, kann jeder unterlassen, oder den Weg zum Papierkorb kann jeder gehen, statt den Müll in die Natur zu werfen.
Der Respekt gegenüber allen sollte selbstverständlich sein und nicht bei dem einen beide Augen zudrücken und bei dem anderen mit dem Spaten zuschlagen. Unrecht auch beim Namen nennen und nicht schweigen, nur weil es einem selbst noch nicht betrifft.
Dass wir in Auseinandersetzungen in Parteien, Vereinen und im privaten Bereich um die Sache ringen und fair bleiben und nicht persönlich angreifen, können wir lernen und mit Disziplin sollten wir im Zusammenleben und in der Erziehung nicht nur von diesen Werten reden, sondern es leben und einfordern.
Das alles ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn alle persönlichen Dinge befriedigt sind, sondern das sollte vorne anstehen.
Aber dazu kommt es nur, wenn wir uns wieder Jesus Christus zuwenden und wissen: Wir haben einen Richter, vor dem wir uns einmal verantworten müssen.
Wir haben die Hoffnung auf die Ewigkeit, die uns davon befreit, alles von diesem Leben für uns zu erwarten, und freiwerden lässt, dafür im Sinne Gottes etwas zu tun. Wir haben das Wort Gottes und das Gebet, das wir in Gottesdiensten, zu Hause, in Vereinen und Parteien praktizieren können.
Wenn jemand meint, das sei nicht zumutbar, dann würde ich sagen: Es ist Gott nicht zumutbar, wenn wir es nicht tun.